Harry Benjamin Skala
In den 60-er Jahren ist nach der populär gewordenen geschlechtsanpassenden
Operation von Christine (davor George) Jorgensen das Interesse an operativen
Anpassungen so gestiegen, dass die Frage, welchen Menschen Operationen zu empfehlen
sind, ins Zentrum der Analyse von TG rückte.
Als Pionier dieser Forschergeneration entwickelte Harry Benjamin
(1885-1986) eine zunächst 3-gliedrige Skala, in der er (I) Transvestiten, (II)
nicht operationsbedürftige TS und (III) TS höherer Intensität klassifizierte.
Zur Operation sollten nur Personen des Typs III zugelassen werden, da solche
ja auch im Gegensatz zu TS des Typs II - laut dieser Klassifikation - eine Operation
verlangen.
Harry Benjamin charakterisiert die einzelnen Typen aufgrund
ihres Verhältnisses zur Kleidung und ihrer sexuellen Orientierung.
Harry Benjamins lesenswerte Arbeit "The Transsexual
Phenomen" (1966, Julian Press, New York) ist im Original auf
www.symposion.com/ijt/benjamin/
veröffentlicht. Wir präsentieren hier eine von Anne E. Curr modifizerte Version,
in der auch von der Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association
empfohlene Änderungen berücksichtigt wurden. Die aktuelle englische Fassung
hat das
International Journal of Transgenderism veröffentlicht.



Eine modifizierte Version der Harry Benjamin Sex Orientierungs
Skala (S.O.S.) für Sexual- und Geschlechtsstörungen sowie Geschlechtsunentschlossenheit
(Genetisch männlich geborene Personen)

Untergliederung in folgende Typen:



TYP 0
Normale sexuelle Orientierung und Identifikation, heterosexuell,
bisexuell oder homosexuell. Die Idee des "dressing" (Kleidung
des anderen Geschlechts tragen) oder "Geschlechtswechsels"
sind fremd und unangenehm. Dies betrifft die größte Mehrheit aller Menschen.

TYP I - Tranvestit (Pseudo)
- Geschlechts-"gefühl":
Männlich
- Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:
Normales männliches Leben. Hat eventuell "Spaß" an "dressing".
Nicht wirklich TV.
- Sexualobjektwahl und Sexualleben:
Für gewöhnlich heterosexuell. Selten bisexuell. Masturbation mit fetisch.
Empfindet Schuld. "Befreit sich", kehrt aber wieder zu seinen Gewohnheiten
zurück.
- Geschlechtsanpassende Operation
(SRS): Wird nicht wirklich in Betracht gezogen.
- Hormon Therapie/Estrogen Therapie:
Nicht in Betracht gezogen. / Nicht erforderlich.
- Psychotherapie: Nicht gewollt. Nicht notwendig.
- Bemerkungen: Nur sporadisches Interesse an "dressing".
Hat selten einen weiblichen Namen wenn "dressed".
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TYP II - Transvestit (Fetischistisch)
- Geschlechts-"gefühl":
Männlich
- Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:
Lebt als Mann. "Dressing" periodisch oder zeitweise. "Dressing"
unter männlicher Kleidung ("Underdressing").
- Sexualobjektwahl und Sexualleben:
Für gewöhnlich heterosexuell. Kann bisexuell oder homosexuell sein. "Dressing"
und "Geschlechtswechsel" hauptsächlich in Masturbationsfantasien.
- Geschlechtsanpassende Operation
(SRS): Erwägt es eventuell in der Fantasie. Sonst ablehnend.
- Hormon Therapie/Estrogen Therapie:
Selten interessiert. / Kann helfen den Geschlechtstrieb zu reduzieren.
- Psychotherapie: Kann in günstiger
Umgebung erfolgreich sein.
- Bemerkungen: Imitiert eventuell
männliche und weibliche Doppelpersönlichkeit mit männlichem und weiblichem
Namen.
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TYP III - Transvestit - Wirklicher/Wahrer
- Geschlechts-"gefühl":
Männlich (aber mit weniger Überzeugung)
- Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:
"Dressing" regelmäßig oder so oft wie möglich. Lebt unter Umständen
als Frau und wird auch als solche akzeptiert. Trägt eventuell weibliche unter
männlicher Kleidung ("Underdressing").
- Sexualobjektwahl und Sexualleben:
Heterosexuell, außer wenn in Kleidung des anderen Geschlechts. "Dressing"
bringt sexuelle Befriedigung und Erleichterung. Schmeisst oft alles hin, kehrt
dann aber zu seinen Gewohnheiten zurück.
- Geschlechtsanpassende Operation
(SRS): Wird abgelehnt, aber die Idee ist verlockend.
- Hormon Therapie/Estrogen Therapie:
Reizvoll als Experiment. / Kann zur Diagnose hilfreich sein.
- Psychotherapie: Selbst wenn
eine Therapie versucht wird, ist eine Änderung des Zustands nur sehr selten
möglich.
- Bemerkungen: Gibt sich eventuell
als doppelte Persönlichkeit. Tendiert möglicherweise Richtung Transsexualismus.
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TYP IV - Transsexuell - Ohne Operation
- Geschlechts-"gefühl":
Unklar, schwankt zwischen TV und TS. Lehnt eventuell jegliches "Geschlecht"
ab.
- Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:
"Dressing" so oft wie möglich, allerdings mit ungenügender Erleichterung
bezüglich der Geschlechtsstörung. Lebt als Mann oder als Frau.
- Sexualobjektwahl und Sexualleben:
Geschlechtstrieb gering. Normalerweise asexuell oder autoerotisch (Lustgewinn
und Triebbefriedigung ohne Partnerbezug). Eventuell bisexuell.
- Geschlechtsanpassende Operation
(SRS): Verlockend aber nicht notwendig.
- Hormon Therapie/Estrogen Therapie:
Wird benötigt zur Beruhigung und zum emotionellen Ausgleich.
- Psychotherapie: Nur als Führung,
wird allerdings sehr oft abgelehnt und ist nicht erfolgreich.
- Bemerkungen: Sozialleben ist
von den Umständen abhängig. Identifiziert sich oft als "TransGenderist".
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TYP V - Wirklich Transsexuell - Gemäßigt
ausgeprägt
- Geschlechts-"gefühl":
Weiblich, "gefangen" in einem männlichen Körper.
- Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:
Lebt und arbeitet wenn möglich als Frau. Keine ausreichende Erleichterung
durch "dressing".
- Sexualobjektwahl und Sexualleben:
Geschlechtstrieb gering. Asexuell, autoerotisch oder passiv homosexuell aktiv.
War eventuell verheiratet und hat Kinder.
- Geschlechtsanpassende Operation
(SRS): Gewünscht.
- Hormon Therapie/Estrogen Therapie:
Wird benötigt als Ersatz oder als Vorbereitung zur SRS Operation.
- Psychotherapie: Wird abgelehnt,
außer es besteht die Möglichkeit einer Heilung. Erlaubt jedoch psychologische
Führung.
- Bemerkungen: Hofft auf und arbeitet
für die Operation, wird oft erreicht.
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TYP VI - Wirklich Transsexuell - Stark
ausgeprägt
- Geschlechts-"gefühl":
Weiblich. Totale "psycho-sexuelle" Umkehrung.
- Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben:
Lebt und arbeitet üblicherweise als Frau. Keine Erleichterung durch "dressing".
Geschlechtsstörung stark.
- Sexualobjektwahl und Sexualleben:
Wünscht sich, in jungen Jahren, stark, Beziehungen zu normalen Männern als
Frau. Später geringer Geschlechtstrieb. Heterosexuell, bisexuell oder lesbische
Identifizierung. War eventuell verheiratet und hat Kinder.
- Geschlechtsanpassende Operation
(SRS): Dringend gewünscht und üblicherweise erreicht.
- Hormon Therapie/Estrogen Therapie:
Benötigt für teilweise Erleichterung.
- Psychotherapie: Psychologische
Führung oder Psychotherapie nur zur symptomatischen Erleichterung (nur auf
die Symptome nicht auf die Krankheitsursache einwirkend).
- Bemerkungen: Verachtet ihre
männlichen Sexualorgane. Ernste Gefahr von genitaler Selbstverstümmelung oder
sogar Selbstmord bei zu langer Frustration bevor SRS durchgeführt wird.
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Original Version: Harry Benjamin © 1966, Julian press
Modifizierte Version: Anne Curr © 1995, Basic Books
Ins Deutsche übersetzt 1997